Zeichen und Wunder

Zeichen und Wunder

In den frühen Morgenstunden des 23. April 1563, es war ein Donnerstag, begab sich etwas sehr Sonderbares vor den Mauern der freien Reichsstadt Nürnberg. Ein Mann von etwa 30 Jahren kam mit auf den Rücken gefesselten Händen auf das Lauffer Tor zugeschritten, aus seinem rechten Ohr lief Blut. Als ihn die Leute dort bemerkten – und rasch wurden es immer mehr -, sank er auf seine Knie nieder und hob an zu predigen: Beten sollten sie, und Buße tun! Denn so wie er selbst – für jedermann sichtbar! – vom Satan mit Stricken gebunden worden sei, so würde es auch ihnen nur zu bald ergehen, wenn sie nicht umgehend von ihren Sünden abließen! Noch aber sei es Zeit, noch könnten sie umkehren und sich erretten! Sein Anblick solle ihnen ein Zeichen Gottes sein, wie sie dem Teufel unentrinnbar in die Fänge gerieten. Doch es war noch nicht zu spät!

 

 

Blutverschreibung

Der Nürnberger Rat ließ den Fremden in ein Gasthaus bringen. Man befreite ihn von den Fesseln, die aus drei verschiedenen Schnüren und Bändern zusammengewirkt waren, wusch das Blut von ihm und beauftragte mehrere Wärter mit seiner Betreuung. Am Nachmittag kamen seinem Wunsch gemäß die obersten Prediger der Stadt zusammen mit Abgesandten des Rates zu ihm, und er berichtete: Sein Name sei Hans Vader, und er war ein Kuhhirte aus Mellingen, gelegen unweit von Weimar. Er hatte nie etwas anderes gewünscht als nur diesen Beruf redlich auszuüben, und er war verheiratet. Vor drei Jahren jedoch, es war am Johannistag gewesen, hatte ein Eseltreiber namens Nickel Göttel versucht, ihn zum Dienst für einen Junker anzuwerben. Er hatte kein Interesse an dem Angebot gehabt, worauf der Eseltreiber ihm zwei Stücken Brot vorgehalten habe, ein weißes und ein bläuliches. Hans Vader hatte dabei ein ungutes Gefühl verspürt, aber als Göttel ihm vorhielt, eine solche Gabe Gottes dürfe man nicht missachten, da hatte er es doch gegessen. Damit aber war er von diesem Augenblick an verzaubert gewesen, sodass er nun zwölf Jahre lang beständig vom Teufel mit Stricken gefesselt werden sollte. Wie Göttel später in seinem Verhör bekannt habe, war dem Brot sechserlei Blut beigemengt gewesen, nämlich von Schlange, Kröte, Igel, Fuchs und Wolf – plus dasjenige eines ungetauften Kindes, das Göttel vermutlich eigens zu diesem Zweck ermordet hatte.

Als Hans Vader nach Nürnberg kam, war er bereits eine Berühmtheit. Schon zwei Jahre zuvor erschien, in Erfurt gedruckt, ein Warhafftiger vnd gründtlicher Bericht, was sich zugetragen hat mit einem armen Hirten, im düringerlandt, welcher mit mancherley anfechtung, vnd eusserlichen leiblichen plagen, bis auff diesen tag, vom leydigen Teuffel angefochten wird. Demnach war derjenige, der ihn den Dämonen überantwortet hatte, in Weimar als Zauberer verbrannt worden. Vader selbst litt weiter unter beständiger Unruhe, weshalb er predigend die Lande durchzog und aber doch nirgends Frieden fand. Bei einem Aufenthalt in Zwickau beschrieb er sein Leiden genauer: Er erlitt demnach Anfälle der fallenden Seuche (Epilepsie) gleich, die sich durch Angst und Beklemmung ankündigten, wobei ihm Blut aus Mund und Ohren lief. Dabei erlebte er häufig wunderliche Gesichte, also visionär-halluzinatorische Zustände. Mal erschienen ihm ein Junge oder eine Jungfrau, ein anderes mal erlebte er vor seinem inneren Auge, wie Mütter ihre Kinder auf den Rücken nahmen und in einen siedenden Kessel warfen. Auch Schlachten und Kriege sah er immer wieder, und unterdessen wurden ihm von unsichtbarer Hand die Hände auf den Rücken gefesselt, obwohl doch niemand zugegen war.

Diese wundersamen Fesselungen, augenscheinlich vom Teufel selbst vollzogen, waren das Kernstück der Auftritte Hans Vaders, zusammen mit den furchterregenden Blutungen aus seinen Ohren. Wo immer er auftauchte, wollte man ihn gut christlich versorgen und dauerhaft aufnehmen. Vader aber konnte diese Akte der Nächstenliebe immer nur kurzzeitig annehmen, denn schon musste er in seiner Pein weiter und immer weiter von Ort zu Ort ziehen, als eine beständige lebende Warnung Gottes. Nach Leipzig, Wittenberg und Torgau war er so gekommen, auch nach Meißen, Eisleben und Freiberg, und einmal gar trug ihn ein starker Wind aus dem Mansfelder Land bis nach Halle, wo er mit silbernen Ketten gefesselt zu sich kam. Der Hirte führte Dokumente mit sich, die seine Erzählungen bestätigten.

In Nürnberg war man misstrauischer als an den vielen anderen Orten, an denen Hans Vader begeisterte Anhänger und christliche Fürsorge gefunden hatte. Man isolierte ihn, ließ ihn sogar nicht einmal zum Kirchbesuch und verwehrte ihm zugleich das Weiterziehen, wozu er bald einen immer stärkeren inneren Drang verspürte. Als sich ein Bürger meldete, der angab, sich in gleicher Weise selbst fesseln zu können, legte Vader ein schockierendes Geständnis ab: Auch er habe sich immer nur durch einen Trick alleine gebunden, und das Blut selbst aus einem Zahn gesogen und ins Ohr gegossen. Gelernt habe er dieses Kunststück von einem Kollegen – demselben, der in seinen Erzählungen nun als unheimlicher Zauberer auftreten musste. Die Bußaufrufe hätten einzig dazu gedient, glaubwürdiger zu erscheinen. Auf dieses Bekenntnis hin wurde der religiöse Schausteller von seiner Herberge ins Gefängnis verlegt und bereits am nächsten Tag, dem 9. Mai 1562, mit einer für die Zeitverhältnisse überraschend milden Strafe bedacht. Man ließ ihn eine halbe Stunde am Pranger stehen, während seine Taten vom Rathaus verlesen wurden. Anschließend wurde Hans Vader mit Ruten gestrichen und auf Lebenszeit aus Nürnberg verwiesen.

Am schmerzlichsten dürfte für Hans Vader gewesen sein, dass die Nürnberger seine Geschichte ausführlich im Druck bekannt machten, womit seine Masche überregional verbrannt war. Die große Zahl von erhaltenen Auflagen und Exemplaren deutet auf erhebliches Interesse hin, das er weit über den Raum seines Auftretens erzeugt hatte. Im fernen Esslingen berichtet der Chronist Dionysius Dreytwein nach einer solchen Flugschrift über Hans Vader, und der Düsseldorfer Arzt Johann Weyer griff in De praestigiis daemonum, seinem epochalen Werk gegen die Hexenprozesse, ausführlich auf ihn als mahnendes Exempel gegen gefährliche Leichtgläubigkeit zurück. Mit diesen publikumswirksamen Enttarnungen endete die erstaunliche Karriere des Hans Vader, eines einfachen Hirten aus Thüringen, den vermutlich in erster Linie die ihm zuteil werdenden milden Gaben zu diesem Schauspiel getrieben hatten.

Aus heutiger Sicht war Hans Vader nicht einfach nur ein ungewöhnlich dreister Trickbetrüger, sondern eine ausgesprochen zeittypische Erscheinung. Zum einen gab es um dieselbe Zeit herum auch andernorts Aufsehen um Verzückungen oder vermeintlich vom Teufel besessene Menschen. Der Zeitgeist sah darin nicht ein individuelles, wenn auch ungewöhnliches Schicksal, sondern eine Botschaft an die Allgemeinheit. Die Titel einiger fast zeitgleicher Flugschriften aus einem geographisch relativ begrenzten Raum geben einen Eindruck von dieser Entwicklung im Protestantismus in den Jahren um 1560:

Aber auch auf anderen Feldern häuften sich die Menetekel. Die Flugschriften der Zeit sind voll von ungewöhnlichen Phänomenen am Himmel, symbolhaft gedeuteten Missgeburten und Sensationen unterschiedlichster Art, denen der Gehalt einer göttlichen Warnung beigemessen wurde. Ähnlich wie heute heißes, nasses, trockenes oder kaltes Sommerwetter und jede Überschwemmung von unseren modernen Endzeitpropheten als Beweis des eigenen Glaubenssystems und letzter Aufruf zur Umkehr gedeutet wird, wurde damals auffällige Erscheinungen als ein Wunderzeichen mit Bedeutung aufgeladen. Nicht zufällig klagte Hans Vader über das skeptische Nürnberg, „das man seine wunderzeychen/ so Gott allen Menschen zum Exempel an jhm fürgestellt het“, nicht gebührend ernst nähme – und ordnete sich damit also sogar selbst als göttliche Botschaft ein – Bußprediger hatten auch damals schon eine wesenseigene Affinität zum Narzissmus.

Zwei Jahre vor dem Auftretens Hans Vaders, im April 1561, hatten eben in Nürnberg ungewöhnliche Erscheinungen am Himmel für Aufregung gesorgt, wovon ein Flugblatt zeugt. Der Schreiber ist dem Zeitgeist entsprechend überzeugt, Gott wolle die sündige Menschheit damit zur buß reitzen und locken, um sie so zu retten. Vergeblich! Denn so sein wir leyder so undanckbar/ das wir solche hohe zeychen und Wunderwerck Gottes verachten. Auf solchem Boden erwuchsen Karrieren wie die des vom Teufel umstrickten Hirten Hans Vader.

Wunderzeichen oder Prodigien waren schon im alten Rom bekannt. Man versteht darunter Kometen, Blut- oder Steinregen, Monstersichtungen und ähnliche Begebenheiten, die den Zorn der Götter anzeigten. Im christlichen Mittelalter spielten solche Mahnungszeichen eine geringere Rolle, um dann seit der Renaissance wieder stärker Beachtung zu finden. Im Protestantismus ist nach dem Tod Luthers und dem Schmalkaldischen Krieg ein steiler Aufschwung dieses Empfindens erkennbar. Neben theologischen Gründen – die Reformatoren selbst begriffen ihr Werk als endzeitlich – dürften Entwicklungen im sich sprunghaft entwickelnden Markt der Druckschriften eine Ursache sein, da Sensationsmeldungen entscheidend zur Ausbildung der ersten Zeitungen beitrugen. Neugier und Angst waren gleichermaßen absatzfördernd.

Im Jahre 1557 erschienen gleich drei voluminöse Sammlungen von Wunderzeichen in Buchform. Deren Herausgeber Conrad Lykostenes, Hiob Fincel und Caspar Goltwurm hatten bedeutungsvolle Ereignisse von der Vorzeit bis in die eigene Gegenwart mit stupendem Fleiß zusammengestellt. Dieses neue Genre und sein explosiver Erfolg zeigen die Hochkonjunktur, die diese Deutungsmuster in den Jahren des Auftretens von Hans Vader & Co fand. War ein Wunderzeichen zunächst ein natürliches Phänomen – oder auch nur ein Gerücht von einem solchen -, das vor dem Hintergrund apokalyptischer Weltsicht mit einer Bedeutung aufgeladen wurde, so boten gerade Erscheinungen von Verzückung und Besessenheit Rollen an, die die frühneuzeitliche Gesellschaft für Figuren bot, die in die Fußstapfen alttestamentarischer Propheten traten.

Georg Bartisch

Georg Bartisch

Georg Bartisch (1535-1607) war Chirurg und beschäftigte sich hauptsächlich mit Augenleiden und urologischen Operationen. Der gebürtige Lausitzer hatte sein blutiges Handwerk schon mit 12 Jahren erlernt und auf Reisen durch Schlesien, Böhmen und Mähren Erfahrungen gesammelt. In noch jungen Jahren brachte er es zum Hofoculisten in Dresden. Berühmtheit erlangte er als Verfasser des ersten deutschsprachigen Werkes zur Augenchirurgie, betitelt Ophthalmodouleia das ist Augendienst. Nicht zuletzt die zahlreichen kolorierten Holzschnitte machen es nicht nur für medizingeschichtlich interessierte Leser sehenswert.

 

 

 

Das Starstechen ist eine ziemlich einfache und daher sehr alte Operationsmethode. Wie alle Chirurgen hatte Bartisch seine Kunst erlernt wie ein Handwerk und war also nicht studiert. Daher beherrschte er auch nicht die Gelehrtensprache Latein und veröffentlichte sein Wissen und seine Erfahrungen in deutscher Sprache.

Die lebensnahen Patientenporträts bieten mitunter verstörende Abbildungen von allen nur erdenklichen Augenleiden und sind sehenswert auch wegen der Kleidertracht der Abgebildeten. Es dürften überwiegend Dresdner Bürger um 1580 sein, denen wir hier über eine Distanz von mehr als vier Jahrhunderten ins Gesicht blicken.

Georg Bartisch war ein Kind seiner Zeit. Er wollte astrologische Einflüsse bei der Behandlung von Augenleiden mit berücksichtigt wissen, verwendete Edelsteine und andere Amulette und empfiehlt mitunter Rezepte, die für den heutigen Leser recht befremdlich und durchaus nicht erfolgversprechend klingen.

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Einen jungen Storch, der noch nie auf die Erden kommen sei. Tue den in einen unverglasten Topf, mache ihn oben fest und wohl zu, brenne ihn zu Pulver in eines Töpfers oder Bäckers Ofen. Als denn pülvers ganz klar, und vermische solches Pulver unter Eierklar, das es wird wie ein Pflaster. Das brauche mit Tüchlein auf die Augen.

Ophthalmodouleia, 1583

Deutlich positioniert sich Georg Bartisch zum in den 1580er Jahren lebhaft diskutierten Thema Hexerei. Er beklagt die Skepsis mancher Zeitgenossen und setzt dem Bibelzitate entgegen, die die Umtriebe des Teufels auf Erden nachweisen sollen. Daraus ergibt sich für ihn zugleich, dass sich nur allzuoft böse Leute als dessen Werkzeuge gebrauchen ließen. Auf Eingeben des Teufels verzauberten sie andere, die deshalb stockblind würden oder auch lahm, taub und stumm. Vielen armen Menschen seien die Augen aus dem Kopffe geschworen, sodass auch nur recht und billig sei, dass von der Obrigkeit viele dergleichen Zauberer gerichtet/ gebraten/ verbrant und geschmeucht worden seien. Dies entspricht der in Sachsen geläufigen Auffassung, Zauberei vor allem als Problem gewaltsamer Schädigung der Mitmenschen aufzufassen.

Als Mann der Praxis wusste Georg Bartisch, wovon er sprach. Mit eigenen Augen hatte er gesehen, wie manchen Patienten Nadeln, Stifte und Klammer aus den Augen geschworen waren, während an anderen Gewächse wie Äpfel oder Birnen wuchsen. Die nebenstehende Abbildung eines solchen Opfers zauberischer Schädigung (samt den erwähnten Fremdkörpern!) kommentiert Bartisch: Wer kan oder mag nun sagen/ das solches solte von Natur seyn/ und nicht von Zauberey herkommen?

Ärzte jener Zeit machten oft Werbung mit Dokumenten, die erfolgreiche Behandlungen glaubhaft machen sollten. Bartisch war auch auf diesem Feld innovativ, indem er entsprechende Listen sogar drucken ließ. In Buchform sind uns auf diese Weise einzigartige Reihen von Patientendaten erhalten. So hatte er beispielsweise George Kochs 24jähriger Tochter Anna helfen können, die durch Zauberey verderbet und gantz blind gewesen war. Matthes Schreiber war es ebenso ergangen, und er hatte dazu noch große Pein und Schmertzen erleiden müssen, so wie auch Heinrich von Isens Weib Anna und Paul Lewe. Dies sind alleine die Dresdner Patienten, die seine Dienste wegen Schadenszauber hatten in Anspruch nehmen müssen, hinzu kommen weitere Fälle dieser Art in Großenhain, Leipzig, Eisleben und anderen Städten. Bartischs in diesem Kontext bislang unbeachtete Aufzeichnungen belegen, dass die Zuschreibung schwerer Krankheitsbilder zu Zauberei in Kursachsen erheblich verbreiteter gewesen ist als die relativ wenigen Prozesse gegen mutmaßliche Hexen es vermuten lassen.

Leipzig im Doppelpack

Leipzig im Doppelpack

Im Jahrbuch für Leipziger Stadtgeschichte sind zwei aufeinander aufbauende Artikel von Madeleine Apitzsch erschienen:

Hexerei- und Zaubereiprozesse im Amt Leipzig 1479 – 1730  (Jahrbuch 2 (2022), S. 9-45)

Das Leipziger Stadtgericht und die Prozesse um Hexerei und Zauberei 1618-1730 (Jahrbuch 3 (2023), S. 125-152)

Nachdem die grundlegende regionale Bestandsaufnahme von Manfred Wilde (Die Zauberei- und Hexenprozesse in Kursachsen, 2003) zwar einige Kritik, bislang aber nur wenige Ergänzungen gefunden hat, ist es sehr zu begrüßen, wenn für einzelnen Städte oder Regionen eigene kleinere Untersuchungen entstehen, zumal dort der Raum gefunden werden kann, um einzelne Fälle eingehender zu betrachten. Hier liegt die Stärke der beiden Beiträge, die mit ausführlich benutztem Material aus dem Leipziger Stadtarchiv einige typische Züge der sächsischen Zaubereijustiz anschaulich machen. Kritisch anzumerken ist allerdings die trotz Archivnutzung deutlich unzureichende Faktenrecherche. Gleich mehrere von der NS-Hexenkartothek in die Welt gesetzte und von Wilde kolportierte Fehldarstellungen werden weiter verschleppt, obwohl lokale Studien dieses Anspruchs doch vor allen anderen Anliegen derlei unselige Abschreibe-Traditionen kappen sollten. Das betrifft namentlich Phantomereignisse wie den breit diskutierten Prozess gegen drei Minderjährige im Jahr 1632, der tatsächlich sogar vier Jugendliche erfasste (der Vierte – das einzige Todesurteil – wurde von Wilde bei Auswertung der NS-Kartothek verbummelt), und der aber gar nicht in Leipzig, sondern in Coburg stattgefunden hat. Solche Ungenauigkeiten mindern den Wert der daran geknüpften Ausführungen doch merklich. Ähnlich bestellt ist es um die Enthauptung einer Frau im Jahre 1597 und den Tod einer Verdächtigen in Haft nach ausgiebiger Folter im Jahr 1660. Beides mögen tragische Fälle sein, und sie sind mit Leipzig verbunden – aber nur durch die überregionalen Gutachtertätigkeiten der örtlichen Juristen. Mit der Stadtgeschichte haben diese Vorfälle nichts zu tun. So bleiben von vorgeblich 25 Leipziger Zauberei- und Hexenprozessen – die ohnehin sehr großzügig als solche eingestuft wurden – höchstens 20 Verfahren übrig, die überwiegend mit Freisprüchen endeten – oder allenfalls einen ungewissen Ausgang hatten. Leipzig war definitiv kein Schauplatz sogenannter Hexenverfolgungen. Es ist schade, dass dem Leser diese Einsicht verwehrt bleibt.

Auf Abwegen

Auf Abwegen

Die ersten Zeitungen erschienen im 16. Jahrhundert nicht periodisch, sondern schilderten einzelne Ereignisse auf einem meist bebilderten Blatt oder in einem kleinformatigen Heft von vier bis acht Seiten. Solche Hefte wurden weniger von Buchhändlern als von Kolporteuren an den Mann gebracht, die Marktplätze, Kirchweihen und Gasthäuser aufsuchten und dort die häufig in Reimform gedichteten Nachrichten zu Melodien bereits bekannter Lieder sangen, um so Käufer für ihre Blätter anzulocken. Man hat es also mit hochgradig kommerziellen Produkten zu tun, deren Verfasser mehr an der Sogwirkung als an der Verlässlichkeit der Meldungen interessiert waren. Um diese noch zu steigern, verwendete man gerne Illustrationen auf den Titelseiten, die aber aus Kostengründen meist nicht eigens für diese in Kleinstauflagen hergestellten Newen Zeyttungen hergestellt wurden. Oft kramte der Drucker irgendeinen alten Holzschnitt hervor, den er noch von früheren Aufträgen rumliegen hatte, und so kam die Arche Noah vom letzten Bibeldruck auf dem Flugblatt mit der Warhafftigen Meldung vom erschrecklichen Hochwasser nochmals zum Einsatz.

 

 

Blutverschreibung
Närrische Hagelsiederei (1518)
Hagelhexe, Kölner Hexenflugschrift (1594)

Ein Beispiel für ein Recycling – um das hässliche Wort Plagiat zu meiden -, bei dem das Motiv kopiert und geringfügig verändert wurde, zeigt eine Kölner Hexenflugschrift von 1594. Die Abbildung vom zauberischen Zusammenbrauen eines Unwetters stammt ursprünglich aus Thomas Murners Narrenbeschwörung in der Ausgabe Straßburg 1518. Dort wurde satirisch allerlei menschliches Streben und Handeln als Narretei verspottet, darunter auch die abgebildeten Umtriebe verbitterter alte Weiber. Die Hagelsiederin trug darum ursprünglich eine Narrenkappe, die ihr auf ihrem langen Weg nach Köln abhanden gekommen ist.

Einen ähnlichen Weg hat die als Frauengestalt personifizierte Tugend aus Sebastian Brants Narrenschiff (lat. Ausgabe 1497) genommen. Über acht Jahrzehnte später (1580) wird derselbe Druckstock noch einmal verwendet. So wird Frau Tugend zur Hexe.

aus Sebastian Brant, Stultifera navis, 1497
Süddeutsche Hexenzeitung, 1580

Noch interessanter ist der Remix, der hinter dem Titelholzschnitt der Erweytterten Vnholden Zeyttung von 1590 steckt. Bei flüchtiger Betrachtung erscheint es als ein in der Hexenpublizistik gewohntes Motiv, dass ein Henkersknecht eben einen Scheiterhaufen anfacht. Aber warum steht die Hexe nicht im Feuer, sondern wird in einem Kessel gekocht? Noch rätselhafter wirkt der Umstand, dass sie dabei scheinbar mit einer kühlenden Erfrischung übergossen wird – oder handelt es sich womöglich gar nicht um eine Hexenverbrennung, sondern um eine Szene aus dem Badehaus? Des Rätsels Lösung: Wir sehen auf dem Flugblatt nicht etwa eine boshafte Teufelsbraut im Moment der wohlverdienten Strafe, sondern einen etwas effeminierten Heiligen, der soeben das ihm zugedachte Martyrium souverän an sich abperlen lässt.

 

Weiter lesen: Wolfgang Behringer über Inhalt und Hintergründe der Erweytterten Vnholden Zeyttung

Erweytterte Vnholden Zeyttung, 1590
Stefan Lochner, Martyrium des hl. Johannes, nach 1435

Der spätere Evangelist Johannes hatte der Überlieferung nach der in der Gegend von Ephesos einige christliche Gemeinden begründet, sehr zum Missfallen des römischen Kaisers Domitian. Der befahl deshalb, Johannes in einem Kessel mit heißem Öl zu  sieden. Dies schlug allerdings fehl, denn Johannes wusste sich durch das Zeichen des Kreuzes zu retten, sodass die ihm zugedachte Qual stattdessen wie ein kräftigendes Bad wirkte. Der glaubensstarke Mann kehre in seinem Heimat zurück, verfasste das seinen Namen tragende Evangelium und starb lange später friedlich in gesegnetem Alter. Weil es eine nicht einfache Aufgabe für Maler ist, die vielen Heiligen jeweils erkennbar darzustellen, bediente man sich bei ihm dazu gerne des Ölkessels mitsamt der zugehörigen Kelle.

Die Gegenüberstellung des Titelholzschnitts der Unholdenzeitung mit einer Johannes-Darstellung aus der Schedelsch’en Weltchronik (1493) lässt klar erkennen: Hier hat der Drucker einen gebrauchten Heiligen unbekannten Ursprungs neuer Verwendung zugeführt und vielleicht sich dabei zugleich noch einen kleinen Scherz erlaubt.

Erweytterte Vnholden Zeyttung, Titelholzschnitt
Schedel'sche Weltchronik 1493 - Martyrium des Evangelisten Johannes

Leichte Kost

Leichte Kost

Nicht ganz neu, mir aber erst jetzt unter die Hände gekommen: Wahre Geschichten um Hexerei in Sachsen von Bernd Rüdiger, erschienen im Tauchaer Verlag 2019. Das schmale Buch erzählt exemplarisch von einigen Zaubereiprozessen auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Sachsen.

Wer an einer Dönerbude seinen Hunger stillt, sollte dort kein pochiertes Zanderfilet an Champagner-Crème erwarten, während umgekehrt ein Gourmet-Tempel eher selten Pommes frites mit Ketchup servieren wird. Man sollte daher dieses kleine Büchlein nach dem bewerten, was es sein möchte: Kein packender Roman, keine tiefschürfende Abhandlung, keine fußnotengespickte Dissertation. Die offenbar erfolgreiche Reihe, deren Nr. 97 hier präsentiert wird, bietet historische Häppchen für Leser mit wenig Zeit und Geduld, ideal vielleicht als Mitbringsel oder auf dem Nachttisch. Der Reihentitel „Wahre Geschichten“ ist klug gewählt, indem der Verzicht auf fiktionale Ausschmückung ebenso klar signalisiert wird wie der nichtsdestotrotz auf Unterhaltung zielende Anspruch.

Wer solchermaßen vom Elend des Hexenprozesses quasi dokumentarisch erzählen möchte, hat es nicht ganz einfach. Von vielen einschlägigen Vorkommnissen ist nicht mehr überliefert als eine Rechnung des Scharfrichters oder zwei dürre Zeilen eines mäßig interessierten Chronisten. Wo Urteile erhalten sind, umfassen die oft gerade mal eine Drittel Seite, und die noch selteneren Protokolle von Verhören sind Fragebögen, für deren Befüllung den Beschuldigten wenig individueller Spielraum blieb. Gerne wüsste man viel mehr über einzelne Menschen, die dem realen Alptraum der Vernichtung durch eine kafkaeske Justiz anheimfielen, wie auch über diejenigen im sozialen Umfeld: Nachbarn und Denunzianten, Amtsleute und Folterknechte, Geistliche und Richter. Die Quellen geben da meistens wenig her. Gleichwohl widersteht der Autor der naheliegenden Lösung, prominente Akteure in den Mittelpunkt zu stellen wie etwa den berühmt-berüchtigten sächsischen Juristen Benedikt Carpzov oder den gefeierten Aufklärer und Bekämpfer von Folter und Hexenprozess Christian Thomasius, der ein gebürtiger Leipziger war. Gesucht wird vielmehr eine Perspektive von unten, die sehr nah dran bleibt an dem, was die Archive zum Thema zu bieten haben. Folgerichtig hat der Autor auch einige Akten selbst studiert, was ungewöhnlich für ein Werk dieses Zuschnitts ist.

Gleichwohl begegnet man durchweg den üblichen Verdächtigen wie der alten Röderin aus Oederan, den Totengräbern von Großzschocher und der unvermeidlichen Sophia von Taubenheim. Überhaupt erinnern Konzeption und Auswahl stark an ältere Literatur von Karl von Weber (Aus vier Jahrhunderten, Leipzig 1857) bis Regina Röhner (Hexen müssen brennen, Chemnitz 2000). Überraschend ist einzig, dass die chronologisch geordneten Kapitel mit dem Jahr 1660 abschließen oder vielmehr abbrechen, sodass besonders dicht überlieferte Begebenheiten wie die Neitschütz-Affäre und die Annaberger Krankheit ausgespart bleiben – mit Blick auf das erzählerische Potenzial wird hier einiges verschenkt, und man kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass der Autor schlicht die vorgegebene Seitenzahl erreicht oder keinen rechten Bock mehr hatte. Die prosaische Kürze, die lieblose Bebilderung und ein lustloses Literaturverzeichnis, dessen Ersteller offenbar gar nicht damit rechnete, dass man Interesse auf mehr zum Thema bekommen haben könnte, runden dieses Bild ab. Was Autor und Verlag hier bieten, ist weder sättigende Mahlzeit noch leckeres Häppchen, sondern eine Art Standard-Hamburger im Pappbrötchen – ohne Tomate, Zwiebel oder Salatblatt.